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Ein Brief an dich

Ich habe lange darüber nachgedacht, doch das Ergebnis ist stets dasselbe: Es gibt Zeiten, da ist es sehr stürmisch und rau. Da wünscht man sich etwas zum festhalten. Und sei es noch so ein kleiner Strohhalm. Irgendetwas das einem Trost gibt und dir zeigt, dass du nicht allein bist. Etwas für dich. Hier ist mein persönlicher Brief an dich:

“Wenn es dunkel wird und alle Farben in einem Grauton verblassen, dann gibt es oft viele Leute, die nicht mehr für dich da sind. Diese Leute, umgangssprachlich auch oft Freunde oder Kumpel genannt, haben dann plötzlich etwas Wichtigeres zu tun oder irgendwie keine Zeit für dich und deine Sorgen.

Jeder Mensch der dir in dieser Zeit begegnet scheint so unendlich glücklicher zu sein, so dass du plötzlich Kräfte entwickelst, die du nicht für möglich gehalten hättest. Schokolade kann von einer Minute auf die andere in Mengen verdrückt werden, für die du damals locker einen Tag benötigt hättest. Eiscreme hat gar keine Zeit irgendwie cremig zu werden und die Literpackung der Hersteller erscheint als bodenloser Witz, der dir gerade noch gefehlt hat.

Das Handy scheint sowieso den Geist aufgegeben zu haben, da plötzlich keine ach so erfreulichen SMS oder Anrufe von gespeicherten Telefonbucheinträgen auf dich einprasseln. Totenstille so zusagen. Der Facebook Account widert einen an, da sich jeder Kontakt entweder über seinen Bankbetreuer einen exklusiven Urlaub auf 36 Kreditraten erkämpft, oder mittels Fernkurs seine alten Kindheitsfotos so retuschiert hat, dass man meinen könnte, die Fettabsaugung und das Lifting gibt’s täglich im Wellnesshotel zwischen den Mahlzeiten gratis dazu.

Vom Fernsehprogramm ist man schon im Vorfeld aufgrund der unzähligen, ach so professionellen Kochsendungen satt, sodass man eine verdammte Lust entwickelt irgendjemanden zu verklagen, diesen Gedanken aber doch beiseite legt, wenn die Gerichtsshows als Nachspeise serviert bekommt. Man spielt dann mit den Gedanken vielleicht seine Nachbarn zu besuchen, bzw. sich nach all den Jahren sowieso einmal vorzustellen und sich nicht nur darüber aufzuregen, dass dessen Besuch sowieso immer zu laut ist. Und wenn mal kein Besuch vorhanden ist, dann ist es stellvertretend die Dolby Surround Anlage oder der Staubsauger, der ja prinzipiell nur zwischen 06:00 und 07:00 Uhr morgens funktioniert. Verdammte Technik.

Aber auch hier liefert uns die schöne Technik mittels Einspielungen à la Gute Zeiten, schlechte Zeiten oder Berlin Tag & Nacht verdammt gute Gründe, warum man doch mit vielen Leuten so wenig Kontakt wie möglich halten sollte. Warum sollte man sich auch mehr Probleme machen, als man sowieso schon hat.

Ja, das Leben ist doch etwas merkwürdiges.
Wie soll man auch glücklich werden in einer Zeit, in der man nicht ernsthaft krank ist und sich Dinge leisten kann, die man sowieso nicht braucht? Wie soll man auch Menschen verstehen, die so anders ticken als man selbst? Warum sollte ich auch ein verdammtes Verständnis entwickeln für Personen die ich nicht kenne, wenn es doch so einfach ist, andere zu verurteilen und es besser zu wissen. Warum sollte man sich auch Gedanken darüber machen, warum der oder die so reagiert hat, wie der Fall war? Warum tun es sich so viele Leute an und treten von einem Fettnäpfchen in den nächsten Scheißhaufen, wenn es im nachhinein doch so offensichtlich war, dass man es nur auf eine (dir natürlich bekannte) Art und Weise hätte richtig machen können.

Dein Leben wäre soviel besser, wenn alle Leute so ticken würden, wie du es dir vorstellst. Wenn du nicht mehr kämpfen müsstest um etwas zu erreichen. Wenn du quasi alles schon erreicht hättest, bevor es überhaupt zur Aufgabe geworden ist. Es wäre soviel besser, wenn die Leute, die dir im Weg stehen, nicht deine (!) Fehler aufzeigen würden, sondern permanent auf deine Schulter klopfen und dir sagen, dass du stolz sein kannst, dass du es bis hierher geschafft hast. Dafür sind doch alle da, oder nicht?

Immerhin bist du ja bis hierher gekommen. Und es war ein verdammt schwerer Weg, denn wohl kaum jemand geschafft hätte. Klar haben andere auch ihre Sorgen und ihre Packerl zu tragen, aber im Vergleich zu deiner Geschichte ist das wohl eher kaum erwähnenswert. Nicht wahr? Immerhin hattest du es noch nie leicht. Immer musstest du tagtäglich zur Schule gehen, es deinen Eltern recht machen, deinen Arbeitgeber zufriedenstellen und auch noch mit deinem verdienten Geld über die Runden kommen. Eine fast unlösbare Aufgabe, wenn man sich nur einmal die Auswahl an Joghurts im Supermarkt ansieht. Entscheidungen zu treffen, und seien sie noch so schwer, gehört zu deinen täglichen Aufgaben.

Leute die nichts verdienen, die sich nicht Sorgen über die neuesten Haushaltsartikel, der unglaublichen Vielzahl an Wurstsorten und Getränke stellen müssen, die keine Schulbildung genießen durften oder seit der Kindheit schwer krank sind und sich über diese kleinen, faszinierenden Dinge des Tages faszinieren und erfreuen können… die, ja diese Leute kannst du nicht mit dir vergleichen.

Es sind diese Leute, die immer etwas Gutes in dem Anderen sehen. Etwas Schönes wenn der Tag zum Leben erwacht. Es sind diese Leute die ihr Leben und jeden Augenblick ihres Daseins zu schätzen wissen. Und jede Herausforderung als Chance sehen, um daraus das zu machen, dass als Sinn von allem gesehen werden kann: Etwas Schönen und Vollkommens.

Nein, diese Leute kann man nicht mit dir vergleichen.
Denn diese Leute leben und beschweren sich nicht über das was ihnen geboten wird. Sie akzeptieren!

Sieh zum Fenster raus und frage dich, was fehlt dir? Wie möchtest du sein und wie möchtest du nicht sein? Und was, was genau unternimmst du um es zu ändern? Und welche Angst umgibt dich, wenn du diese Gedanken näher betrachtest?

Sieh zum Fenster raus und lebe.
Genieße jeden Augenblick. Denn er existiert nur einmal und dann nie wieder.

Versinke nicht im Selbstmitleid. Hole tief Luft und spüre das Leben. Nimm dich selbst bei der Hand und kämpfe für das, was dir wichtig ist und was dir Freude macht.

Du bist nicht allein, und du bist nicht der/die Erste dem das widerfahren ist. Akzeptiere es und lerne daraus. Das, und nur das, ist das Beste das man daraus machen kann. Klingt zwar ziemlich blöd, ist es aber nicht.

Du bist jetzt hier und du bist einzigartig. Lass es auch die anderen wissen!”

photo credit: Trilliumdesign ~ Caroline via photopin cc

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RonnyDee
RonnyDee"Wenn du tust, was du immer getan hast, dann wirst du bekommen, was du immer bekommen hast"
Ich blogge hier über alle Themen mit denen ich in Berührung komme. Möchtest du wissen, warum ich so denke was ich schreibe, dann findest du unter "Über mich" mehr Informationen über mich und mein Leben
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