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Schau nicht immer so

Emotionen…
Sie beherrschen uns jede Sekunde, jeden Augenblick.
Sie können uns das Gefühl der Unsterblichkeit verleihen oder uns bis zur Unendlichkeit verzweifeln lassen. Mit ihnen treffen wir Entscheidungen, fällen Urteile und verstricken uns in Gedanken. Zu jeder Zeit, in jedem Moment. Wer glaubt er könnte seine Emotionen kontrollieren, der irrt. Wir lernen bereits als Kinder Emotionen zu unterdrücken, nicht zu kontrollieren. Je besser man das kann, desto mehr “gesellschaftstauglicher” ist man. Wer es nicht so gut kann, der gilt als verweichlicht, schwach, verrückt, unzuverlässig, und vieles mehr. Dabei machen Emotionen uns zu dem, wer wir sind. Sind ein Teil von uns. Die Sprache der Seele und des Herzens. Wenn das Sprachrohr der Seele, das Gesicht nicht in das Schema passt, dann hören wir altbekannte Sätze, wie “Schau nicht immer so (…traurig / zornig / böse / grantig / angefressen / zwider / griesgrämig / besorgt…)”.

Schau nicht immer so!
Zeige nicht deine Gefühle!
Erlaube es dir nicht der zu sein, der du gerade sein möchtest!

Wer aber müssen wir denn sein? Müssen wir immer stark sein um nicht als verletzlich zu gelten? Müssen wir immer “gut drauf” sein um mit dieser Freude auch unsere Mitmenschen anzustecken? Müssen wir jede Angst und Sorge runterschlucken bis wir in die Knie gehen und alleine sind? Sollten wir zu jeder Zeit jedes Handeln gut finden und verbiegen bis wir uns selbst nicht mehr im Spiegel ansehen können? Sind wir etwa nur hier, um rund um die Uhr Schauspielerqualitäten vorzuweisen? Oder können wir auch die Maske abnehmen und uns so zeigen wie wir sind, mit allen Fehlern, Ängsten und Sorgen. Aber auch mit jeder Naivität, jedem Witz und jeder so einzigartigen Eigenschaft die uns, die dich definiert.

Schau nicht immer so!
Dieser Satz begleitet mich schon so lange und ich habe ihn von so vielen unterschiedlichen Menschen gehört. Jeder meinte diese Satz ernst. Jeder meinte es vielleicht auch gut. Wer ihn zu mir sagte, wollte wohl das Beste. Für mich. Für einen selbst. Ein guter Ratschlag.

Schau nicht immer so, auch wenn du noch so viele Geldsorgen hast und nicht weißt wie du den Monat über die Runden kommen sollst. Schau nicht immer so, auch wenn du eine Krankheit hast die andere nicht kennen und vor den Kopf stößt. Schau nicht immer so, auch wenn du noch soviel Angst vor der Dunkelheit hast. Schau nicht immer so, auch wenn du glaubst du bist ganz allein auf dieser Welt. Schau nicht immer so, auch wenn du Angst vor neuen Situationen und Zweifel an dir selbst hast. Schau nicht immer so, auch wenn du niemanden zum Reden findest, der dir einfach nur zuhört und dich mit jedem Wort versteht. Schau nicht immer so, auch wenn du verletzt wurdest und du deine Wunden leckst. Schau nicht immer so…

Dieser Satz hat mir persönlich noch nie geholfen. Egal welches Gefühl dich beherrscht, ob Trauer, Angst, Sorgen oder Wut. Dieser Satz nährt diese vorhandenen Emotionen mit Zorn. Zorn, weil man nicht so sein kann wie man gerade sein will. Zorn, weil man mit seinen Gefühlen alleine gelassen wird. Zorn, weil der andere dich nicht wahrnimmt und sich selbst versteckt. Zorn, weil man in diesem Augenblick selbst mit allem überfordert ist. Zorn, weil es irgendwo wehtut.

Vielleicht sollte man einfach ganz kurz nichts sagen, wenn uns der Gesichtsausdruck des anderen verwirrt. Zeit nehmen um zu hinterfragen, warum der Glanz und die Freude in den Augen des anderen verschwunden sind. Um dann selbst mehr Mensch zu sein als wir denken. Um dann soviel mehr zu bewirken als nur einen stumpfen Satz von uns zu geben. Um zuzuhören und Gefühle zuzulassen. Persönlich, ohne viel Aufwand. Einfach Kraft, Mut und Hoffnung zu geben. Nicht mit dem einen Satz, sondern durch dich als Mensch.

Schau nicht immer so!
Denn du lässt deinen Gefühlen freien Lauf, während ich meine nach wie vor verstecken muss!


Die Metapher der Traurigkeit

Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.

Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: “Wer bist Du?”

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. “Ich? Ich bin die Traurigkeit”, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

“Ach die Traurigkeit!” rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

“Du kennst mich?” fragte die Traurigkeit misstrauisch. “Natürlich kenne ich Dich! Immer wieder einmal, hast Du mich ein Stück des Weges begleitet.”
“Ja aber…”, argwöhnte die Traurigkeit, “warum flüchtest Du dann nicht vor mir? Hast Du denn keine Angst?”

“Warum sollte ich vor Dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass Du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich Dich fragen will: Warum siehst Du so mutlos aus?”

“Ich…, ich bin traurig”, sagte die graue Gestalt.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. “Traurig bist Du also”, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. “Erzähl mir doch, was Dich so bedrückt.” Die Traurigkeit seufzte tief.

“Ach, weißt Du”, begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, “es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.”

Die Traurigkeit schluckte schwer.

“Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
Sie sagen: ‘Papperlapapp, das Leben ist heiter.’ und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: ‘Gelobt sei, was hart macht.’ und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: ‘Man muss sich nur zusammenreißen.’ und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: ‘Nur Schwächlinge weinen.’ und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.”

“Oh ja”, bestätigte die alte Frau, “solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet…”
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. “Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.”

Die Traurigkeit schwieg.

Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.
Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme.
Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

“Weine nur, Traurigkeit”, flüsterte sie liebevoll, “ruh Dich aus, damit Du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.”

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: “Aber…, aber – wer bist Du eigentlich?”

“Ich?” sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. “Ich bin die Hoffnung.”

Inge Wuthe

photo credit: Carolina Tarre via photopin cc

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RonnyDee
RonnyDee"Wenn du tust, was du immer getan hast, dann wirst du bekommen, was du immer bekommen hast"
Ich blogge hier über alle Themen mit denen ich in Berührung komme. Möchtest du wissen, warum ich so denke was ich schreibe, dann findest du unter "Über mich" mehr Informationen über mich und mein Leben
2 Comments
  • Vroni

    Sehr schön geschrieben… die Metapher ergänzt deinen Text wunderbar. Gratuliere!

    9. Juli 2014 at 12:09
    • RonnyDee

      Vielen Dank auch für deine Sichtweise… hat den ursprünglichen Text noch besser ergänzt 🙂

      9. Juli 2014 at 12:42
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